Blogwichteln 2014: Wie entsteht bei dir ein Text?

Vor kurzem schrieb ich einen Blogwichtel-Beitrag für den Blog von Textreff-Kollegin Andrea Behnke. Heute wurde ich von der Heidelberger Wortwerkerin Annette Lindstädt beschenkt, sie hat für meinen Blog einen Beitrag geschrieben. Tada! Es ist mir eine große Ehre, hier den Gastbeitrag von Annette Lindstädt zu präsentieren.


Lange Antwort auf eine kurze Frage

„Wie entsteht bei dir ein Text?“ – Diese auf den ersten Blick so einfache Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, wie ich feststellen musste. Denn viele dieser in jahrelanger Praxis eingeschwungenen Prozesse laufen so unbewusst, dass ich mir erst mal selbst über die Schulter schauen musste. Was auch erklärt, warum ich eine reichlich späte Blogwichtlerin bin, wo doch traditionell eigentlich vor Weihnachten gewichtelt wird. Aber vor Weihnachten – na, Sie wissen schon, wie es da ist. Kommt ja immer so plötzlich und alles Optionale fällt hinten runter. Über den Jahreswechsel habe ich pausiert, sodass ich mir erst jetzt den Selbst-Schulterblick genehmigen konnte. Denn das schlug mir die Orthogräfin vor, als wir uns darüber austauschten, womit ich sie denn bewichteln könne: „Ich fände es schön, wenn du schreiben könntest, wie du die Themenbreite abdeckst und an einen Job herangehst.“

Grundsatzentscheidung treffen

Immer mal wieder werde ich gefragt: „Kannst du eigentlich über jedes Thema schreiben?“ Kurze Antwort: Nein. Lange Antwort: Oft ist das weniger eine Frage des Themas, sondern der Zielgruppe. Etwas für ein Fachpublikum aufzubereiten geht bei sehr spezialisierten Themen nicht. Für Endkunden aber schon eher. Wobei ich auch dafür tief in eine Materie einsteigen muss, damit ich die Informationen sachlich korrekt und gleichzeitig verständlich darstellen kann. Bei Verbraucherthemen ist es oft sogar von Vorteil, wenn ich mich vorher damit nicht auskannte: Denn dann stelle ich meist genau die Fragen, die sich die potenzielle Käuferin auch stellt.

Mach ich’s oder mach ich’s nicht? Foto: Annette Lindstädt

Mach ich’s oder mach ich’s nicht? Foto: Annette Lindstädt

Gewiss gibt es Inhalte, die ich mangels Fachkenntnissen seriös einfach nicht bearbeiten kann und andere, mit denen ich mich nicht auseinandersetzen möchte. Und natürlich habe ich über die Jahre Schwerpunkte und Fachkenntnisse entwickelt. Aber das Reizvolle an meinem Beruf ist gerade, dass ich manchmal in Welten eintauchen darf, die mir bis dahin fremd waren und über die ich dann Neues erfahre. Über Herzensthemen wie Vokalmusik, Hunde oder Reisen schreiben zu dürfen, ist natürlich ein Sahnehäubchen. Aber auch vieles andere entfaltet seinen Charme, wenn ich mich nur tief genug reinbohre. Und das tue ich mit Wonne. Erklärungsbedürftiges Zeug mag ich besonders gern.

Ans Thema ranpirschen

Wie ein Text dann konkret entsteht, hängt von der Textart ab. Bei allen gleich ist, dass ich mich vorab gründlich mit dem Thema beschäftige, bevor ich auch nur eine Zeile schreibe. Bei einem längeren, sachlichen Text (z. B. für ein Kundenmagazin) ist das die Themenrecherche, bei einem kurzen werblichen (z. B. einem Mailing oder einer Anzeige) eher ein Brainstorming, freies Assoziieren, automatisches Schreiben oder eine andere Kreativtechnik. Immer gehört dazu, das Interesse der Zielgruppe zu erforschen und herauszuarbeiten, was sie vom Produkt, der Dienstleistung, dem Angebot hat. Im Moment habe ich zum Beispiel Webtexte für eine Musikerin und ein Mediatorennetzwerk sowie diverse Artikel für das Kundenmagazin meines Stammkunden auf dem Tisch. Für ihre Webtexte hat mir die Musikerin ziemlich viel Material gegeben (Artikel über sie, ihre Diskografie, Infos zu Projekten, die sie begleitet hat usw.). Außerdem gibt es schon eine Website, die sich aber eher wie ein virtuelles Archiv mit vielen Infos in Listenform gibt.

Zentrale Aussagen und Persönlichkeit rauskitzeln

Also habe ich sie gefragt, was sie sich von der neuen Website erhofft, wen sie ansprechen möchte, was anders werden soll, was bleiben soll. Sie hat mir andere Websites gezeigt, die sie gut findet und wir haben darüber gesprochen, was ihr wichtig ist: beim Musikmachen, beim Umgang mit Auftraggebern und überhaupt. Wie sie ihre Leserschaft ansprechen möchte, wie sie als Person rüberkommen soll. Und natürlich auch darüber, was sie von anderen unterscheidet. Meist texte ich dann erst mal die Bereiche der Website neu, bei denen es eher um die Fakten geht. Die schwierigeren, weil persönlicheren Seiten wie z. B. die Startseite und die Profilseite texte ich tendenziell zum Schluss. Dann hat sich das Gesamtbild beim Schreiben und den meist notwendigen Rückfragen in meinem Kopf zusammengesetzt und ich kann die zentralen Aussagen formulieren, die vornedrauf gehören, damit die Leserschaft weiterliest. Bei solchen sehr auf die Person bezogenen Websites ist ein intensives Gespräch ganz wichtig. Denn darin höre ich die Zwischentöne, erfasse die Persönlichkeit und bringe diese dann in den Texten zum Ausdruck. Ich schreibe bei solchen Aufträgen auch häufig zu Beginn eine Textprobe, um die Tonalität abzustimmen – sie muss ja unbedingt zur Auftraggeberin passen.

Lesen, fragen, Gerippe füllen

Bei den Artikeln für das Kundenmagazin lese ich als erstes das Material, das der Kunde mir zur Verfügung gestellt hat und recherchiere weitere Quellen. Aktuell schreibe ich zum Beispiel gerade darüber, wie man den Nutzen einer Geschäftsreise messen und steigern kann und über Genehmigungsprozesse für Geschäftsreisen in Großunternehmen (mein Kunde ist ein Geschäftsreiseanbieter). Klingt langweilig? Ist es nicht. Wie gesagt: Wenn man sich tief reinbohrt, entfaltet so manches Thema seinen Reiz. Außerdem finde ich viele Management-Themen ganz spannend. Ich lese also zunächst mein Ausgangsmaterial (Studien und andere Artikel). Mache mir Notizen, ziehe Kernaussagen oder besonders interessante Statements raus. Versuche, einen Aufhänger zu finden (der kommt meist in die Intro). Überlege mir eine Struktur für den Text, stimme sie mit dem Kunden ab, stelle Verständnisfragen und erfrage nochmal die Zielrichtung. Bei meinem Stammkunden, mit dem ich enorm eingeschwungen bin, entfällt dieser Schritt häufig – ebenso, wenn das Briefing gut war. Dieses Gerippe fülle ich dann nach und nach mit Text, und ganz zum Schluss schreibe ich die Headline und checke nochmal die Intro. In meinem speziellen Fall suche ich auch noch passende Bildmotive und texte die Bildunterschriften dazu.

Übernachten lassen

Wenn genug Zeit ist, lasse ich den Text gern nochmal eine Nacht liegen, um am nächsten Tag mit frischem und etwas distanzierterem Blick dranzugehen und hier und da dran zu feilen – manchmal auch, um ihn nochmal ganz umzuwerfen oder ihm einen neuen Dreh zu geben. Und dann: weg damit! Immer wieder ein erleichterndes Gefühl – bis mich das nächste leere Dokument anstarrt.

Bei Sonnenaufgang sieht der Text oft ganz anders aus. Foto: Annette Lindstädt

Bei Sonnenaufgang sieht der Text oft ganz anders aus. Foto: Annette Lindstädt


Annette Lindstädt

Annette Lindstädt

Zur Autorin:

Annette Lindstädt konzipiert und textet für Web, Werbung und Corporate Publishing: www.worthauerei.de. Außerdem bloggt sie auf www.rumreiserei.de über ihre Reisen nach nah und fern: Heidelberg, Neuseeland und dazwischen.

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  1. […] Diese auf den ersten Blick einfache und kurze Frage hat mich dann doch zu einer etwas länglichen Antwort getrieben – nachdem ich mir erstmal bewusst machen musste, wie das bei mir abläuft. Hier geht es zum Beitrag. […]

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